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Texte > Birgit Jehn

Portrait

Praxisarbeit 402.6 Journalistisches Schreiben II: Porträt Birgit Jehn

Die Kunst des Fliegers

Ralph Kleiner ist Maler, Skulpturenkünstler und Gleitschirmflieger. Sein
Glück und Schlüssel zum Erfolg beruht darauf, „ruhig zu werden und zu
beobachten, ob etwas passiert.“ Dann ist er frei – für die Kunst und das
Fliegen.
Ein eiskalter Wintertag in der Eifel. Tiefblauer Himmel, strahlender
Sonnenschein, ein verwunschener, weitläufiger Garten hinter einem alten
Fachwerkhaus. Am zugefrorenen Teich steht eine Möwe. „Ach, das ist Ori. Ori
kann nicht mehr fliegen. Wir pflegen sie“, erzählt Ralph Kleiner beiläufig. Der
Name Ori kommt von Orion, dem Himmelsjäger der griechischen Sagen. Das
Fliegen, Traum und Leidenschaft Ralph Kleiners, ist für ihn ebenso wichtig wie
die Kunst und zieht sich durch das Leben des 55-Jährigen: schon als Kind mit
selbstgebauten Modellflugzeugen und seit einigen Jahren als
Gleitschirmflieger. Er liebt diese Freiheit, das Gefühl, keine Grenzen zu
spüren.
Ralph Kleiner ist Künstler. Er malt, fertigt Skulpturen, Plastiken und
Installationen. Seine Objekte sind bunt, voluminös, kraftvoll. „Ich bin ein
emotionaler Formenkünstler“, sagt er, während er seine im Garten
aufgestellten Arbeiten erklärt. Neben Formen seien ihm vor allem Farben
wichtig und natürlich der Bezug zum Fliegen. Seine Stelen und Installationen
streben in die Höhe, zum Himmel, bewegen und entfalten sich frei im Raum.
Das sei die Voraussetzung für seine besten Werke, dann „passiert etwas
Besonderes und das Rationale fällt weg.“
Ralph Kleiner ist schlank, durchtrainiert, hat leuchtend blaue Augen. Seine
blonden, schulterlangen Haare quellen unter einer grünblauen Wollmütze mit
stilisierten Totenköpfen hervor. Ein starker Kontrast zu dem pinkfarbenen
Wollpullover unter seiner warmen Felljacke. Das Licht im Garten des alten
Bauernhauses ist weich. Das Haus seiner Großeltern. Oft war er schon als
Kind hier. Auch damals, als sich seine Eltern trennten, hat er viele Sommer
hier in Weidesheim verbracht. Sein Opa habe ihn machen lassen: sich
ausprobieren, spielen, malen, kreativ sein. Auch seine Oma habe ihn immer
wieder ermutigt, „Jung, dat ist ja richtig Kuns, wat do da mähs.“ Das habe ihn
angespornt. „Jeder kann Kunst“, erklärt er, „aber man muss gefördert, gelobt
werden. Du musst als Kind spinnen können, auch mal etwas kaputt machen
dürfen.“
Groß geworden ist Ralph Kleiner in Freiburg. Sein Vater war Steinmetz, seine
Mutter Frisörin. Mit 16 Jahren fertigte er seine erste Steinskulptur. Dieses
Material war jedoch zu stark durch seinen Vater geprägt und er entschied sich
für die Malerei. Mit einer Mappe aus „Schülerarbeiten“ bewarb er sich 1986 an
der Kunstakademie Düsseldorf und wurde abgelehnt. So folgte er dem Rat
seiner Mutter und machte eine Ausbildung zum Frisör. Zwei Jahre lang.
Tagsüber nutzte er einen leerstehenden Salon als Atelier und Frisörladen,
abends besuchte er die Akademie für Bildende Künste in Freiburg und
absolvierte ein Abendstudium. Einer seiner Lehrer, ein Chilene, brachte ihm
das „wirkliche“ Malen und Gestalten bei. „Von ihm habe ich das
Handwerkliche gelernt.“ Eine zweite Bewerbungsmappe entstand. Mit dieser
wurde er in Düsseldorf angenommen. Kurz überlegte er, ob er im Frisörsalon
bleiben sollte. Finanzielle Sicherheit. Der Salon hatte sich zu einem schrillen
Treffpunkt in Freiburg entwickelt: Kunst, bunte Farben, Rauch, laute Musik
und eben das Frisieren. Seine Haare trug er damals blau. Hippies und Punks
der Stadt ließen sich von ihm die neuesten Trends der britischen Punkszene
stylen. Ralph Kleiner entschied sich für die Kunstakademie. „Kreativität und
Berufsalltag: Das geht nicht gleichzeitig. Die Kunst wird nicht authentisch.“
Nach neun Semestern des Studiums der Malerei wurde er Meisterschüler bei
Michael Buthe, einer schillernden Persönlichkeit der Kunstszene der 80er und
90er Jahre. Orientalische Einflüsse, Gold, Glitzer, märchenhafte Elemente und
eine große Liebe zum Detail charakterisieren Buthes Werk. Einflüsse, die
auch prägend für Ralph Kleiners Arbeiten sind. Er lernte von Michael Buthe,
dass alles erlaubt ist. Buthe und andere Größen der Düsseldorfer Akademie,
wie auch Markus Lüpertz, faszinierten und lehrten ihn, dass selbst berühmte
Künstler zweifeln und von Galeristen „oft an der engen Leine geführt werden.“
Ein Grund, warum Ralph Kleiner versucht, seine Unabhängigkeit zu wahren,
mit verschiedenen Stilen und Techniken zu arbeiten und sich nicht durch
Galeristen exklusiv vertreten zu lassen. Bei seinen Ausstellungen wäre er am
liebsten gar nicht dabei. Da müsse er in eine andere Rolle schlüpfen, merkt er
an. „Stimmt!“, lacht seine Lebensgefährtin Claudia. „Das sind dann zwei ganz
andere Persönlichkeiten: Der künstlerische Ralph, der wie im Fieber arbeitet,
der einen mitreißt, der aus allem etwas machen kann, ohne Allüren. Und auf
der anderen Seite der ausstellende Ralph, im Rausch des Redens, Erklärens
und Verkaufens.“ Daran hätte sie sich erst einmal gewöhnen müssen,
berichtet sie. „Ökonomisierung, Mäzenatentum, Geldmangel oder
Materialkosten dürfen einen Künstler nicht begrenzen“, pflichtet ihr Ralph
Kleiner bei. „Rumgeizen bringt nichts. Du musst Kunst einfach passieren
lassen und dann im Fluss und spontan arbeiten“, fügt er hinzu. Dies spiegeln
seine Arbeiten wider: viel bunte Farbe, zumeist Ölfarbe.
Malerei und Skulpturen sind in Ralph Kleiners Werk gleichberechtigt. Die
Skulpturen sind bunt bemalt, die Malerei ist skulptural und voluminös. Seine
Gemälde, die er meist im Winter anfertigt, wenn er draußen nicht an seinen
Installationen arbeiten kann, sind vielfältig. „Wilde“, expressive Arbeiten
stehen neben spirituellen Bildern, zum Teil mit buddhistischen Einflüssen, mit
Sternen, kleinteiligen Symbolen, Figurativem. Dann wieder kräftige Linien. Alle
Gemälde sind von Schwung und Spontanität geprägt. Das Gleiche gilt für
seine Skulpturen, auch hier sind eine große Gestik und Haptik zu erkennen.
Holzstämme aus Eichen- und Zedernholz, grob mit der Kettensäge und
anschließend mit Farbe bearbeitet. Am liebsten säge er barfuß, ohne
Schutzkleidung, nur dann sei er vollends konzentriert und achtsam, berichtet
Ralph Kleiner.
Oft verstecken sich Tiere in seinen Skulpturen. Das so friedlich wirkende
Lamm mit dem blutroten Messer, der Fuchs und sein Jäger, Schweine,
Hasen, Bäume oder die „Hohe Priesterin“, an deren Fuß sich eine Katze
„eingeschlichen“ hat. Und immer wieder das Herz als Symbol. Es geht ihm um
den Menschen, das Tier, die Natur an sich. Das Menschliche im Tier und das
Ausbeuterische des Menschen in seinem Verhältnis zu Tier und Natur. So ist
Ralph Kleiner auch seit langem Vegetarier. Der spirituelle Aspekt seiner Kunst
ist ihm wichtig. Darüber hat er viel nachgedacht. „Kunst kommt von künden.
Der Künstler zeigt, gibt etwas weiter“, erklärt er. „Die Natur birgt bereits alles
in sich und wir brauchen den Künstler, um es hervorzuholen. Daher entferne
ich in meinen Skulpturen gerade nur so viel, um das Wesentliche sichtbar zu
machen.“ Er lächelt zufrieden. „Das sind die glücklichen Momente. Du wirst
ruhig. Alles ist da, alles fügt sich. Die Kunst wird stimmig, materialisiert sich.“
 
   
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